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80 Jahre nach Auschwitz: NS-Raubgut im Fokus der Erinnerungskult

Gedenkveranstaltung mit Vortrag von Dr. Julia von Hiller über den jüdischen Pforzheimer Arzt und Büchersammler Dr. Wilhelm Rosenberg

Referentin Dr. Julia von Hiller (Mitte) mit Kulturbürgermeister Tobias Volle und Archivleiterin Dr. Klara Deecke vor dem Vortrag im Stadtarchiv
Referentin Dr. Julia von Hiller (Mitte) mit Kulturbürgermeister Tobias Volle und Archivleiterin Dr. Klara Deecke vor dem Vortrag im Stadtarchiv
©Stadt PforzheimFoto: Sommer-Turkalj

Am 27. Januar, dem 80. Jahrestag der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, fand im Stadtarchiv die Gedenkveranstaltung der Stadt Pforzheim zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus statt. Die Leiterin der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, Dr. Julia von Hiller, referierte über den Pforzheimer Arzt und Büchersammler Dr. Wilhelm Rosenberg.

Kulturbürgermeister Tobias Volle begrüßte die zahlreichen Teilnehmer und sprach Worte des Gedenkens. Er warnte eindringlich vor den Gefahren des Antisemitismus heute und betonte die Notwendigkeit von Erinnerungskultur. In einer thematischen Einführung stellte Archivleiterin Klara Deecke die Bedeutung der Auseinandersetzung mit dem Thema „Arisierung“, Raub und Enteignung jüdischen Eigentums in Pforzheim und den zugehörigen Entschädigungsverfahren in der Nachkriegszeit heraus. Auch in die Bestände des Stadtarchivs wurde NS-geraubtes Kulturgut integriert. Pforzheimer Archivare haben sich in der NS-Zeit proaktiv am pseudolegalen Raub beteiligt, um die Archivbestände zu ergänzen, und die Stadtspitze hat sich für diese Interessen ebenfalls proaktiv eingesetzt. Der Fall der Enteignung und Aneignung einer Büchersammlung sei, so Deecke, bisher jedoch kaum in der öffentlichen Wahrnehmung oder der Geschichte des Stadtarchivs verankert – ein Beispiel, das zeige, dass noch längst nicht alle Aspekte der Pforzheim NS-Geschichte ins Bewusstsein der Stadtgesellschaft gezogen wurden. Es reiche nicht aus, dass die Unterlagen in Archiven öffentlich zugänglich seien oder dass Historikerinnen und Historiker sie auswerteten und die Ergebnisse publizierten. Die Stadtgesellschaft müsse sich aktiv mit der Geschichte auseinandersetzen, wenn das Gedenken gesellschaftliche Relevanz haben solle. Mit der Gedenkveranstaltung werde versucht, diesen Anspruch einzulösen.

In ihrem informativen, reich bebilderten Vortrag zeichnete von Hiller zunächst das Leben Rosenbergs nach. Vom angesehenen, wohlhabenden Pforzheimer Hausarzt mit eigener Praxis und engagierten Schachspieler führte die rassistische nationalsozialistische Verfolgungspolitik zur Deportation nach Gurs und zur Enteignung von Vermögen und Besitz. Rosenberg überlebte die Schoah. Er kehrte nach Pforzheim zurück, musste aber, zwischenzeitlich völlig mittellos geworden, in verschiedenen Prozessen über Jahre hinweg um Entschädigung für die erlittene Verfolgung kämpfen. Er starb 1960 in Pforzheim. Im zweiten Teil des Vortrags ging von Hiller auf die Enteignung der bibliophilen Sammlung Rosenbergs und deren Aufteilung zwischen der Badischen Landesbibliothek und dem Stadtarchiv Pforzheim ein. Nach dem Krieg musste Rosenberg gegen das Land und die Stadt um Entschädigung für die wertvollen Bände prozessieren. Die Stadt Pforzheim zahlte ihm nach anfänglichem Widerstand letztlich 4000 DM.