Gemeinsame Verantwortung für die Geschichte Europas - Deutschland gibt weitere kriegsbedingt verbrachte Kulturgüter an Polen zurück
Im Rahmen des Deutsch-Polnischen Forums sind heute verschiedene Kulturgüter an die Republik Polen zurückgegeben worden, die während der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg entzogen oder verlagert wurden. Die Rückgaben stehen für die enge deutsch-polnische Zusammenarbeit bei der Aufarbeitung historischen Unrechts und sind Ausdruck der deutschen Verantwortung gegenüber Polen.
Außenminister Johann Wadephul würdigte die Rückgaben:
„80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges können heute in enger Zusammenarbeit mit den bewahrenden Einrichtungen und der polnischen Seite Kulturgüter an Polen zurückgegeben werden, die während Krieg und Besatzung geraubt wurden. Die Rückgabe ist Ausdruck von gegenseitigem Respekt, bleibender deutscher Verantwortung und unserer vertrauensvollen Partnerschaft. Sie stärkt aus Anlass des 35. Jubiläums des Deutsch-Polnisches Freundschaftsvertrages die festen Bande zwischen unseren Ländern weiter. Erinnerung an das Geschehene, Verantwortung für die Zukunft und Versöhnung als Generationenaufgabe leiten auch heute unser Handeln.“
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer erklärte:
„Ich freue ich mich sehr, dass der Hymnus „Gaude Mater Polonia“ an das polnische Volk zurückgegeben wird. Er ist eines der ältesten Werke religiöser Dichtung des Landes. Die heutige Rückgabe ist eine wichtige Geste der Anerkennung historischen Unrechts. Sie ist das Ergebnis konsequenter Provenienzforschung der kulturgutbewahrenden Einrichtungen Deutschlands sowie einer vertrauensvollen und engen Zusammenarbeit mit unseren polnischen Partnern. Damit schreiben wir ein neues Kapitel in der Erinnerungskultur unserer beiden Länder.“
Die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Marion Ackermann erklärte:
„Ich bin sehr glücklich, dass dieses Manuskript mit einer frühen Niederschrift der Hymne „Gaude Mater Polonia“, ein Manuskript, das Zeugnis einer der dunkelsten Zeiten der langen deutsch-polnischen Geschichte ist, heute wieder nach Polen zurückkehren kann. Mit den bedeutenden Kultureinrichtungen Polens verbindet uns heute eine freundschaftliche Zusammenarbeit, die wir noch intensivieren möchten. So kooperiert etwa die Staatsbibliothek demnächst im Rahmen eines Drittmittelprojektes mit vier polnischen Bibliotheken, und ist das Nationalmuseum in Warschau ab morgen zu Gast in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel.“
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder erklärte:
„Die aktuelle geopolitische Lage und die heutigen Feierlichkeiten erinnern uns daran, wie wertvoll die deutsch-polnische Beziehung ist. In der Mobilität erleben wir das jeden Tag: Menschen aus Polen und Deutschland nutzen täglich die vielen grenzüberschreitenden Verbindungen sowohl auf der Schiene als auch auf der Straße. Das zeigt, wie lebendig und selbstverständlich unsere Partnerschaft heute ist. Umso mehr freue ich mich, im Rahmen des 35-jährigen Jubiläums die Rückgabe von Eisenbahnmodellen und Objekten vorzunehmen, die ihren historischen Platz in Polen haben.“
Der Oberbürgermeister von Pforzheim Peter Boch erklärte:
„Mit der Rückgabe des Rings folgen wir der Überzeugung, dass historische Verantwortung nicht allein juristisch betrachtet werden kann. Der Ring besitzt für Polen eine außergewöhnliche kulturelle und ideelle Bedeutung. Deshalb hat der Gemeinderat der Stadt Pforzheim seine Rückgabe beschlossen. Wir verstehen diesen Schritt als Zeichen des Respekts und der Freundschaft gegenüber unserem polnischen Nachbarn. Gerade als Stadt, die selbst die Folgen von Krieg und Zerstörung erfahren hat, wissen wir, wie wichtig Versöhnung für das Zusammenleben in Europa ist.“
Hintergrund
Seit den deutsch-polnischen Regierungskonsultationen vom 1. Dezember 2025 hat die Zusammenarbeit bei der Rückgabe kriegsbedingt verlagerter Kulturgüter deutlich an Dynamik gewonnen. Eine auf Initiative von Bundeskanzler Friedrich Merz eingerichtete deutsch-polnische Arbeitsgruppe unter Federführung des Auswärtigen Amtes bearbeitet gemeinsam mit dem polnischen Kulturministerium, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie den Botschaften beider Länder laufende Rückgabefälle.
Die heute übergebenen Kulturgüter verfügen jeweils über eine eigene, oftmals bewegte Provenienzgeschichte.
Mittelalterliches Manuskript mit Fragment der Hymne „Gaude Mater Polonia“
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gibt eine mittelalterliche Handschrift zurück, die einen Teil des Textes der polnischen Hymne „Gaude Mater Polonia“ enthält. Das aus sechs Pergamentblättern bestehende Heft gelangte auf bisher unbekanntem Weg in die Staatsbibliothek zu Berlin, wo es als Fremdbesitz verwahrt wurde. Es stammt aus der Bibliothek des Priesterseminars in Płock, deren Bestände während des Zweiten Weltkriegs geplündert und weitgehend zerstört wurden.
Die wertvollsten Handschriften dieser Bibliothek wurden von den deutschen Besatzungsbehörden nach Königsberg verbracht. Wie das Manuskript anschließend in den Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin gelangte, konnte bislang nicht abschließend geklärt werden. Sichtbare Stempel der Seminarbibliothek belegen jedoch eindeutig seine Herkunft.
Die drei Doppelblätter waren ursprünglich wohl Teil eines Codex aus dem späten 14. Jahrhundert. Sie wurden vermutlich im 16. oder 17. Jahrhundert daraus herausgelöst und in einem anderen Buch verwendet. Das belegen Spuren wie Verschmutzungen, Knicke und Einschnitte.
Das Objekt kann unter folgender URL abgerufen werden: https://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0003972B00000000
Eisenbahnminiaturen und Zubehör aus dem Verkehrsmuseum Warschau
Das BMV übergibt aus den Beständen des Bundeseisenbahnvermögen elf Objekte, die ursprünglich zur Sammlung des Verkehrsmuseums Warschau gehörten. Die Eisenbahnminiaturen und Zubehörteile waren bis zum Sommer 1940 in Warschau ausgestellt und wurden während der deutschen Besatzung in das damalige Verkehrs- und Baumuseum Berlin verbracht.
Ihre Herkunft konnte anhand historischer Zugangsbücher rekonstruiert werden. Bereits bei der wissenschaftlichen Erschließung der Bestände des heutigen Deutschen Technikmuseums in Berlin wurde festgestellt, dass die Objekte im September 1940 „aus dem Verkehrsmuseum Warschau übernommen“ worden waren. Seit 2003 waren sie in der Datenbank „Lost Art“ als kriegsbedingt verlagertes Kulturgut registriert.
Jagiellonen-Ring aus dem Schmuckmuseum Pforzheim
Der Oberbürgermeister der Stadt Pforzheim übergibt einen Ring aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, der König Sigismund I. dem Alten zugeschrieben wird. Der Ring könnte ein Geschenk seiner Gemahlin Bona Sforza gewesen sein und gehörte vermutlich zur sogenannten Königlichen Schatulle der Fürstenfamilie Czartoryski in Krakau.
Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen wurde die Sammlung nach Sieniawa ausgelagert und dort vermutlich im September 1939 von deutschen Truppen geplündert. Der Ring gelangte später nach Deutschland und wurde dem Schmuckmuseum Pforzheim 1963 als Teil einer größeren Ringsammlung geschenkt.
Der aus hochkarätigem Gelbgold gefertigte Ring ist mit einem etwa 3,5 Karat schweren Diamanten besetzt und zählt zu den herausragenden Beispielen höfischer Renaissance-Schmuckkunst.
eutigen Rückgaben knüpfen an bereits erfolgte Rückgaben an, darunter die der sogenannten Deutschordensurkunden sowie eines Skulpturenkopfes der Marienburg an Polen. Die Bundesregierung wird die Prüfung weiterer polnischer Rückgabeersuchen fortsetzen und im Rahmen der Arbeitsgruppe die Zusammenarbeit mit den zuständigen Institutionen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene systematisch voranbringen.
