Wie erlebt man eine Stadt, wenn man neu in ihr ankommt? Welche Hoffnungen, Schwierigkeiten und prägenden Erfahrungen sind mit einem Neuanfang verbunden? Und welche Dokumente erzählen davon?
Solche Fragen lassen sich in Verwaltungsakten nur teilweise beantworten. Melderegister, Ausländerakten oder Unterlagen von Behörden dokumentieren Entscheidungen und Verfahren. Sie zeigen jedoch nur selten, wie Menschen ihren Weg nach Pforzheim erlebt haben, welche Herausforderungen sie bewältigen mussten und welche Bedeutung die Stadt für ihr Leben gewonnen hat.
Deshalb sammelt das Stadtarchiv Pforzheim persönliche Lebensberichte von Menschen, die aus anderen Ländern nach Pforzheim gekommen sind.
Warum das Stadtarchiv diese Berichte sammelt
Das Stadtarchiv bewahrt die schriftliche Überlieferung der Stadt für kommende Generationen. Dazu gehören nicht nur Unterlagen der Verwaltung, sondern auch persönliche Zeugnisse, die Einblicke in den Alltag und die Lebenswelten der Bürgerinnen und Bürger geben.
Lebensberichte von Zugewanderten sind aus mehreren Gründen von besonderem Wert:
- Sie eröffnen einen Zugang zur Alltagsgeschichte in Pforzheim.
- Sie ergänzen die Perspektive der Behörden um persönliche Erfahrungen.
- Sie dokumentieren unterschiedliche soziale, kulturelle und berufliche Hintergründe.
- Sie machen sichtbar, wie Integration konkret erlebt und gestaltet wird.
- Sie bewahren Erinnerungen, die sonst häufig verloren gehen.
Besonders wichtig sind dabei Originalunterlagen wie Briefe, Zeugnisse, Fotos, Urkunden, Tagebücher oder digitale Dokumente. Erst durch solche Quellen lassen sich Lebensgeschichten auch künftig nachvollziehen und wissenschaftlich auswerten.
Ein Beispiel: Der Lebensweg von Irina Kozlova
Ein eindrucksvolles Beispiel ergänzt seit kurzem die Bestände des Stadtarchivs. Frau Kozlova übergab dem Archiv eine selbst verfasste Biografie sowie zahlreiche Originalunterlagen. Diese Dokumente werden dauerhaft im Stadtarchiv verwahrt und stehen – entsprechend einer mit ihr geschlossenen Vereinbarung – künftig auch für Forschung und Bildung zur Verfügung.
Frau Kozlova wurde im heutigen Sankt Petersburg geboren, das damals noch Leningrad hieß. Ihre Eltern waren Musiker; die Familiengeschichte war von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Blockade von Leningrad geprägt. Diese Erinnerungen an Krieg, Verlust und Trauma beeinflussten ihr Leben nachhaltig.
Schon früh verband Frau Kozlova ihre sprachlichen, pädagogischen und künstlerischen Interessen. Sie studierte zunächst Forstwirtschaft, später Sozialpädagogik, arbeitete mit Jugendlichen und entwickelte musikpädagogische Konzepte. Musik und Literatur wurden für sie zu einem wichtigen Ausdrucksmittel.
2001 kam sie mit ihren beiden Töchtern und neun Koffern nach Deutschland. Nach einem kurzen Aufenthalt in Karlsruhe wurde Pforzheim zu ihrer neuen Heimat. Das erste Jahr empfand sie als tiefgreifenden Einschnitt: geprägt von Orientierungsschwierigkeiten, aber auch von der Erfahrung, in Deutschland ein selbstbestimmteres Leben führen zu können.
In Pforzheim arbeitete Frau Kozlova unter anderem in Kindertagesstätten, Senioreneinrichtungen und in der Erwachsenenbildung. Sie engagierte sich ehrenamtlich als Sprachmittlerin und unterstützt bis heute Menschen bei ihrem Ankommen in der Stadt. Integration bedeutet für sie, sich aktiv einzubringen, die Sprache zu lernen und Verantwortung für das Zusammenleben zu übernehmen.
Neben ihrem sozialen Engagement ist Frau Kozlova weiterhin künstlerisch tätig. Sie schreibt Gedichte, komponiert Lieder und veröffentlicht ihre Musik.
Mehr als eine persönliche Geschichte
Der Bericht von Frau Kozlova zeigt, wie eng persönliche Lebenswege mit der Geschichte Pforzheims verbunden sind. Themen wie Kriegserfahrungen, Migration, Integration, Glaube, Sprache, Kultur und ehrenamtliches Engagement werden darin greifbar.
Für künftige Generationen sind solche Zeugnisse von unschätzbarem Wert. Sie dokumentieren nicht nur individuelle Erfahrungen, sondern auch die Vielfalt der Stadtgesellschaft.
Wir suchen weitere Lebensberichte und Dokumente
Das Stadtarchiv Pforzheim möchte weitere Lebensgeschichten von Menschen bewahren, die nach Pforzheim zugewandert sind.
Gesucht werden unter anderem:
- selbst verfasste Erinnerungen und Berichte,
- Briefe, Zeugnisse und Urkunden,
- Fotografien,
- Tagebücher,
- Vereinsunterlagen,
- digitale Dokumente.
Von besonderem Interesse sind Originale, da sie als historische Quellen dauerhaft erhalten und wissenschaftlich ausgewertet werden können.
Mit jeder Übergeberin und jedem Übergeber wird eine schriftliche Vereinbarung geschlossen, in der auch geregelt wird, wann und unter welchen Bedingungen die Unterlagen genutzt werden dürfen. So ist auch der Datenschutz berücksichtigt.
Kontakt
Stadtarchiv Pforzheim
Kronprinzenstraße 28
75177 Pforzheim
www.stadtarchiv.pforzheim.de
Ansprechpartner für Rückfragen und zur Übergabe der Unterlagen:
Andrea Binz-Rudek (Archivarin):
andrea.binz-rudek(at)pforzheim.de
07231 39 2185
Dr. Klara Deecke (Archivleiterin):
07231 39 2898
Wer seine Geschichte und seine Dokumente dem Stadtarchiv anvertraut, trägt dazu bei, dass die vielfältigen Lebenswelten der Pforzheimerinnen und Pforzheimer als Teil des kulturellen Gedächtnisses der Stadt erhalten bleiben.
Wenn Sie selbst nach Pforzheim gekommen sind oder in Ihrer Familie Briefe, Fotos, Zeugnisse oder persönliche Aufzeichnungen zur Geschichte des Ankommens in unserer Stadt bewahrt werden, freuen wir uns sehr über Ihre Kontaktaufnahme. Auch wenn Sie unsicher sind, ob Ihre Unterlagen für das Archiv von Interesse sind, beraten wir Sie gerne. Jede überlieferte Lebensgeschichte hilft dabei, die Vielfalt Pforzheimer Erfahrungen für kommende Generationen zu bewahren.
